Wer ist unterwegs?

Kleinteiligere Lösungen mit hoher Dichte und grösserer Vielfalt

Interview mit Iris Belle, Assistenz Professorin an der Tongji University Shanghai - College of Architecture and Urban Planning, Dezember 2016

1. Wenn Sie die Städte, in denen Sie gelebt haben im Hinblick auf die Wohnraumversorgung vergleichen sollten, welche Parameter würden Sie in Betracht ziehen? 

Wohnen ist ein Prozess, der mit der Biographie eines Menschen untrennbar zusammenhängt. Menschen, Gebäude und deren Veränderung über Zeit bieten sich deshalb als Parameter für einen Städtevergleich an. Sie lassen sich mit Zahlen und Qualitäten beschreiben: Wie viele Gebäude und wie viele Menschen gibt es in einer Stadt? Wie ist die Altersverteilung in der Bevölkerung und unter den Gebäuden? Wie viele Menschen leben in einem Haushalt, wie viel Geld haben Haushalte, wie viel davon geben sie für Wohnen aus? Wie verteilen sich Einkommensschichten geographisch in der Stadt, wie alt und wie groß ist der Wohnraum den sie sich jeweils leisten? Die Antworten bringen Unterschiede zwischen Städten sehr deutlich zu Tage. 

2. Sie haben in Ihrer Doktorarbeit Mechanismen von Governance in chinesischen Sonderwirtschaftszonen und Eco-Cities untersucht und die Potentiale für die Umsetzung der versprochenen Visionen von Nachhaltigkeit diskutiert. Wie schätzen Sie chinesische Sonderwirtschaftszonen in Deutschland als eine mögliche Strategie zukünftiger internationaler Zusammenarbeit ein? 

Den möglichen Weg FromEconomic Development Zone to Eco-city habe ich in meiner Doktorarbeit unter dem gleichen Titel untersucht. Das Fallbeispiel China zeigte, dass wirtschaftliche Interessen hier weiterhin die Hauptmotivation bleiben. Was fehlt sind lokale AkteurInnen, die mehr mit dem Ort verbinden als dem finanziellen Profit. In Deutschland finend wir Modelle im kleineren Maßstab, wie die von Unternehmen und Kommunen gegründeten Technologieparks, in die  deutsche und chinesische Aktuere gemeinsam investieren um dort neue Produkte und Dienstleistungen besonders im High-Tech und wissensintensiven Dienstleistungsbereich zu erarbeiten. In diesen, von Unternehmen und Hochschulen vorangetriebenen und langfristig angelegten Projekten, liegt meiner Meinung nach durchaus Potential der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und auch des Kulturtransfers. Diese Projekte sind aber weit weniger mutig als die Chinesischen Sonderwirtschaftszonen der 1980er Jahre, die eine neue Rechtsgrundlage für internationale Zusammenarbeit geschaffen haben. Erreichen werde  die Techparks in Deutschland vor allem hochqualifizierte deutsche und chinesische ArbeitnehmerInnen und nicht wie in den chinesischen Sonderwirtschaftszonen Menschen aller Bildungsschichten.

3. Ihre Interessen liegen außerdem in der Transformation des chinesischen Bausektors. Ihrer Meinung nach liegt eine große Chance in der Aufwertung der großen Anzahl an Häusern mit schlechter Bauausführung durch Reparatur und Sanierung statt Abriss. Welche internationalen Beispiele haben diesen Ansatz gewählt und was bedeutet für Sie Innovation im Bausektor?

Das schnelle Wachstum der chinesischen Städte in den letzten Jahrzehnten hat zusammen mit der Massenfertigung Bauten minderer Qualität hervorgebracht: unpraktische Grundrisse, schlecht belichtete, kleine Räume, undichte Bauteile und Einbauten mit kurzer Lebensdauer. Die Frage ist, wie man mit diesem Problem umgeht. Abriss und Neubau verschlingen natürliche Ressourcen und sind nur in zentralen Lagen finanzierbar, wo Bodenpreissteigerungen und erhöhte Flächenausnutzungsziffern Kosten decken. Den Verschleiß voran schreiten lassen bedeutet ein soziales Risiko, wie wir es aus Städten des industrialisierten Westens kennen. Dort bleiben wirtschaftlich schwächere Gruppen in unsanierten Gebieten wohnen während die Mittelschicht wegzieht. Ein drittes Szenario für den Umgang mit dem Bestand ist eine schrittweise Aufwertung durch fachgerechten Betrieb, frühes Erkennen von Mängeln und deren Reparatur, regelmäßige Sanierung und Umbau. Hier muss im Bausektor ansetzen. Das geschieht bereits durch die digitale Erfassung von Bauteilen, z.B. in Building Information Modelling, muss aber noch weiter gehen. Der jetzige Trend, immerzu neue Gebäudetypen zu erfinden, die dann noch als Prototypen verschleißen, verschenkt die Chance diese Gebäude weiterzuentwickeln und zu verbessern. 

4. Was ist ihre Empfehlung für die Zukunft des Wohnens in den Städten? 

Langfristig planen und auf Alternativen setzen. In China aber auch in Singapur habe ich erlebt, wie homogen Wohnungsbau sein kann, wenn der Standardisierung und Kosteneinsparung durch Massenanfertigung keine Grenzen gesetzt sind. Effizienzsteigerung durch höhere Flächenausnutzungsziffern, vertikale Städte und hochverdichtete Städte sind die großen Themen der Industrialisierung, die Städte mit hohem Zuwanderungsdruck dankbar aufgreifen. Wenn aber Stadtplaner nach Investorenmanier Dichte pro Grundstück rechnen und dabei öffentliche Erschließungsstraßen und Abstandsgrün nicht berücksichtigen, dann scheinen Hochhäuser die einzig mögliche Lösung auf begrenzter Fläche Wohnraum zu schaffen.. Stadtplaner, Entwickler und Architekten müssen sich in ihrem Denken und Entwerfen lösen von den Kategorien öffentlich und privat finanzierter Raum. Dann werden kleinteiligere Lösungen mit hoher Dichte und grösserer Vielfalt möglich.

5. Was wünschen Sie sich vom Stadtmacher-Programm? 

Kennen und schätzen lernte ich die Teilnehmenden nicht wie sonst bei Konferenzen üblich durch Präsentation der eigenen Projekte, sondern bei der Konzeption eines neuartigen Wohnprojekts, das wir gemeinsam gedacht und ausgearbeitet haben. Der Ideenfindungsprozess verlief überaus effizient und rege und brachte trotzdem einen überraschend neuen Ansatz hervor. Ich würde mir wünschen, dass wir den Projektvorschlag „Starterkit“, den wir der Theorie erarbeitet haben, auch umsetzen können. Ein Realisierungsanspruch mit Anfangsförderung würde den Weg für Unterstützung aus Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung entscheidend ebnen. Ein Projekt, das lokale Investoren gewinnen kann und auf diese Weise die Prinzipien der Stadtmacher Initiative in gebaute und bewohnte Stadt umsetzt wäre der beste Beweis für die Relevanz und Überzeugungskraft des Programms.

6. Wenn Sie eine weitere Person für die Stadtmacher Gruppe empfehlen sollten, wer wäre das? 

Herr Zhou Xiang, Dipl. Ing. Architekt, Stadtforscher, weil er sich erfolgreich in gestaltende, handwerkliche, wirtschaftliche und kulturelle Dimensionen der Architektur einbringt. Aufgewachsen in Nordchina hat Zhou Xiang an der TU München studiert, an der Elbphilarmonie mitgearbeitet und betreibt derzeit ein Architekturbüro mit Partnern in Hamburg und Peking. Er berät chinesische Immobilienentwickler in Deutschland, gibt Kurse für Innenausbauhandwerker in China und präsentiert sein Projekt zur Dechiffrierung der Kommunikation in Planungsprozessen auf Konferenzen. Zhou Xiang ist einer der wenigen, die es schaffen in zwei Kulturkreisen gleichermassen informiert und aktiv zu sein.

Das Interview führte Silvan Hagenbrock – STADTMACHER Team

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© Iris Belle
Dr. Iris Belle ist Assistenz Professorin an der Tongji University Shanghai - College of Architecture and Urban Planning. Zudem koordinierte Iris Belle das Modul Transforming and Mining Urban Stocks am Singapore Future Cities Lab.

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